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Das Ziel der klösterlichen Spiritualität:
das ununterbrochene Gebet


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Nach den heiligen Vätern besteht das christliche Leben aus der Theorie und aus der Praxis. Unter der 'Theorie' verstehen sie die Betrachtung und das Gebet. Unter der 'Praxis' hingegen die praktische Ausübung der Askese und der sittlichen Tugenden. Das Ziel all dessen ist die Einheit in der Liebe, mit Gott und untereinander, so wie Christus es für seine Jünger in seinem Gebet an den himmlischen Vater erbittet:

„Mögen sie alle eins sein, wie du, o Vater, in mir bist und ich in dir bin, so sollen auch sie in uns eins sein!“ (Joh 17,21). – „Möge die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sein und ich in ihnen.“ (Joh 17,26)


Der hl. Kirchenvater Johannes Cassian führt diese Ziel der Theorie und Praxis näher aus:

„Dann wird jene vollkommene Liebe, mit der Gott uns zuerst geliebt hat, auch unser Herz und Gemüt erfüllen, und das Gebet des Herrn wird sich erfüllen. […] Und wie Gott uns mit aufrichtiger, reiner und unvergänglicher Liebe liebt, so werden auch wir mit ihm in unzertrennlicher Liebe ohne Makel geeint werden. Wir werden so mit ihm verbunden sein, dass all unser Atmen, all unser Denken und Sprechen nur Gott ist. […] Das, sage ich, ist das Ziel sämtlicher Vollkommenheit, dass die von allen fleischlichen Begierden befreite Seele täglich so sehr von der Erhabenheit des Geistigen ergriffen werde, dass all ihr Wandel, jede Bewegung ihres Herzens zu einem einzigen und ununterbrochenen Gebet werde.“

(Johannes Cassianus, Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern [Collationes patrum], 10. Unterredung: Über das Gebet, Kap. 7: Worin Ziel und Vollendung unserer Gebete bestehen)


Hingegen wird die Erhebung der Seele, die sich im betrachtenden Gebet vollzieht, durch die Zerstreuungen und Sorgen der Welt, sowie durch ungeordnete Leidenschaften, schlechte Gewohnheiten und die anderen Folgen der Erbünde sehr gehindert. Darum braucht das christliche Leben die Askese: Sie soll in uns durch die Übung der sittlichen Tugenden die für das fruchtbare Gebet nötige innere Ordnung, Seelenruhe und Frieden schaffen.

Die Übung der Tugenden befruchtet das Gebet, aber auch umgekehrt streben das Gebet und die Betrachtung zur Übung der Tugenden, sie zielen hin auf eine Änderung des Lebenswandels, auf die Gleichförmigkeit mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus. Das begeisterte Lesen der Kirchenväter und der Meister der Mystik reicht nicht aus, um heilig zu werden. Vielmehr müssen die konkreten Forderungen des Evangeliums in die Tat umgesetzt werden. Es braucht somit die Ausgeglichenheit zwischen beiden, der Theorie und der Praxis. Der Fortschritt in den christlichen Tugenden und der Fortschritt in der Betrachtung bilden eine tiefe Einheit.

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Die Kreuzigung, Giotto


Dies führt der hl. Cassianus weiter aus:

„Das Ziel des Mönches und die ganze Vollkommenheit des Herzens besteht in der ununterbrochenen Beharrlichkeit des Gebets. Und soweit es der menschlichen Gebrechlichkeit möglich ist, ist es ein Streben nach der unbeweglichen Ruhe der Seele und nach der immerwährenden Reinheit. Dies ist der Grund, warum wir mit nicht nachlassender Ausdauer die körperliche Arbeit verrichten und die Zerknirschung des Herzens suchen. Es besteht zwischen den beiden eine gewisse wechselseitige und untrennbare Verbindung. Denn der ganze Aufbau der Tugenden hat nur einen Zweck, der darin besteht, die Vollkommenheit des Gebetes zu erlangen ... und umgekehrt können die Tugenden, welche das Gebet unterstützen, ohne dieses nicht zu ihrer vollen Ausreifung gelangen.“

(Johannes Cassianus, Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern [Collationes patrum], 9. Unterredung:
Über das Gebet, Kap. 2)

„Die Seele könnte nämlich mit einer feinen Flaumfeder verglichen werden, die, solange sie nicht von Feuchtigkeit benetzt und durchdrungen ist, sich beim leisesten Hauch gleichsam naturgemäß in himmlische Höhen erhebt. Wenn sie aber nass geworden ist, dann wird sie schwerfällig. Dann ist es vorbei mit dem Flug in den Lüften, sie wird dann durch das Gewicht der aufgenommenen Feuchtigkeit vielmehr tief zur Erde herabgedrückt. So ergeht es auch unserer Seele: Wenn die Laster und weltlichen Sorgen sie nicht beschweren oder die sündige Leidenschaft sie nicht befleckt, wird sie gleichsam durch die natürliche Gabe ihrer Reinheit erhoben, bei dem leichtesten Anflug von Andacht zur Höhe gezogen und unter Zurücklassung alles Irdischen zum Himmlischen und Unsichtbaren getragen“

(Johannes Cassianus, Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern [Collationes patrum], 9. Unterredung:
Über das Gebet, Kap. 4).

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Gemälde: hl.Benedikt in der Höhle von Subiaco

Somit eröffnet sich die Aufgabe der geistlichen Väter in den Klöstern: die einzelne Seele durch ihr Beispiel und ihre Unterweisung auf den Königsweg der Askese zur Nachahmung Christi zu führen. Für den Schüler besteht diese geistliche Methode wesentlich in der frommen Übung dieser sittlichen Tugenden, welche ihn mithilfe der Gnade zur Erkenntnis (Gottes) führt.

Die Regel des hl. Benedikt ist somit nicht anderes, als eine Anleitung zum christlichen Leben. Der hl. Benedikt war kein Philosoph des geistlichen Lebens, sondern ein Hirte und Vater. In ihren einzelnen Ausführungen und konkreten Vorschriften mag seine Regel speziell den Ordensleuten zugedacht sein, jedoch umfasst sie generell alle Grundlagen des christlichen Lebens und ist darum auch für Christen, die in der Welt leben, bedeutsam. Verschiedene Kapitel, besonders das 7. Kapitel über die Demut, betreffen alle Christen auf der Suche nach Gott